Wenn im Büro Giraffe und Wolf miteinander sprechen

Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg

Teil I Beobachtung + Gefühle

Kürzlich war ich auf einem 2-tägigen VHS-Seminar zum Thema „Gewaltfreie Kommunikation (GFK)“ nach Marshall Rosenberg bei der hervorragenden Dozentin Sabine Sauerborn. GFK ist ein hervorragendes Instrument für alle, die sich fragen, warum Gespräche mit manchen Kollegen angenehm und andere sehr unangenehm sein können und wie man die eigentliche Absicht hinter dem Gesagten lesen lernt, um besser darauf eingehen zu können.

Ihr ahnt es schon beim Titel, unangenehm ist eher das Gespräch mit den Wölfen, angenehm sind Unterhaltungen mit Giraffen. Rosenberg verwendet diese Tiere, um eine gewaltvolle und gewaltfreie Sprache zu symbolisieren. Das heißt, der Wolf mit seinen scharfen Zähnen ist ein Sinnbild für denjenigen, der mit seiner Sprache Schaden anrichten kann und andere damit verletzt. Die Giraffe ist nicht nur das Säugetier mit dem größten Herz (12 kg)  im Tierreich, sondern hat mit ihrem langen Hals einen wunderbaren Überblick über viele Situationen. Auch wenn beide Sprachstile ihre Berechtigung haben, kann die Verwendung von Giraffensprache viele Team-Sitzungen und Konversationen erleichtern, Anweisungen angenehmer klingen lassen und den Austausch untereinander deutlich verbessern. Das gelingt über 4 Schritte:

Die vier Schritte

Da ich die vier Schritte des Programms: „Zunächst schildern, was man beim Gegenüber wahrnimmt/beobachtet, dann sein Gefühl beschreiben, das dahinter stehende Bedürfnis benennen und zum Schluss eine konkrete Bitte formulieren“ bereits kannte, fragte ich mich Vorfeld, kann man tatsächlich über so eine simple Anleitung zwei Tage lang sprechen?

Damit lag ich komplett falsch wie sich sehr schnell herausstellte und bereits nach dem ersten Tag war mir glasklar, warum die komplette Ausbildung zum GFK-Trainer bis zu fünf Jahre (!) dauern kann.

Neutrale Beobachtung

Allein eine völlig neutrale Beobachtung zu formulieren, hatte es echt in sich, wie die Teilnehmer unseres Kurses schnell feststellten. Ich hätte nie gedacht, dass ein so großer Anteil unserer Sprache aus Kritik besteht! So ist der Satz: „Du räumst nie die Spülmaschine aus!“ nicht nur Kritik, sondern auch eine im Sinne von gelingender  Kommunikation unzulässige Verallgemeinerung. Also konkreter: „Heute war die Spülmaschine noch nicht ausgeräumt.“ Noch konkreter formulieren, würde Sabine jetzt raten, ok: „Um 16 Uhr war heute das Geschirr noch in der Spülmaschine.“

Und jetzt Sie, schreiben Sie neutral:

  • „Du bist zu früh!“

Wertfreie Lösung z.B.:

  • „Du bist um 14 Uhr gekommen, wir hatten 14.15 Uhr vereinbart!“

oder

  • „Du bist frech.“

Wertfrei und konkret:

  • „Du hast „Idiotin“ zu mir gesagt.“

2) Gefühle benennen

Das war schon happig, aber kein Vergleich zur Schwere der nächsten Aufgabe „echte“ Gefühle zu benennen. Wir haben gelernt, dass echte Gefühle im Gegensatz zu unechten Gefühlen deutlich körperlich gespürt werden z. B „Ich bin nervös, ich bin glücklich oder ich bin bedrückt.“ Gefühle entstehen in uns selber und auch nur wir allein sind für unsere Gefühle verantwortlich. Darum ist alles, was von außen an mich herangetragen wird oder wofür ich anderen die Schuld/Verantwortung gerne zuschieben möchte, kein echtes Gefühl: „Du hast mich traurig gemacht“ = unecht, niemand anders kann einen traurig machen;  „Ich fühle mich unter Druck gesetzt = unecht, den Druck mach ich mir selber oder „Ich spüre, Du denkst nur an Dich = unecht, woher will man wissen, was der andere spürt oder denkt?

Um echte Gefühle handelt es sich, wie oben schon erwähnt, wenn ich sie auch körperlich spüren kann, also das Kribbeln im Bauch, wenn ich sage: „Ich bin glücklich“, das Erröten, wenn ich sage, ich schäme mich oder der Knoten im Bauch, wenn ich so richtig wütend bin.

Ein sehr schönes Video zum Gefühl „Liebe“ mit Marshall Rosenberg, das auch zeigt, wie er Giraffe und Wolf einsetzt, findet ihr hier:

Gefühle drücke ich aus, indem ich beispielsweise sage: „Ich fühle mich traurig“, „Ich bin sauer“, „Ich bin zornig“ oder auch „Ich bin überglücklich“ und „Ich fühle mich lebendig.

Eine schöne Auswahl von echten und unechten Gefühlen findet ihr beispielsweise auf der Webseite von Klaus Jürgen Becker .

Ja, was habe ich jetzt davon, wenn ich mein Gefühl benennen kann? Zum einen spüre ich, was mit mir eigentlich los ist. So trivial wie sich das vielleicht anhört, ich kenne sehr viele Menschen, denen dieser Zugang zu Ihrem Selbst fehlt bzw. irgendwann verschüttet wurde.

Und wenn ich das weiß, kann ich auch viel deutlicher mitteilen, was ich eigentlich möchte.

Und zum anderen ist dieses identifizierte Gefühl ein klarer Indikator für ein dahinterstehendes Bedürfnis und erst wenn, ich das bei mir benennen kann und im besten Fall noch herausfinde, welches Bedürfnis eigentlich hinter dem steckt, was mir gerade mein Gegenüber mitgeteilt hat, kann ich so was wie eine echte Verbindung schaffen und eine gelingende Kommunikation erreichen.

Schritt 3 „Bedürfnisse benennen“ und eine „Bitte äußern“ (Schritt 4) folgen in einem weiteren Blogartikel!